
Die hervorragend geschriebene Biographie einer Frau, die ihrer Zeit weit voraus war - Einer ihrer Nachkommen hat sich in den letzten Wochen herabgelassen, bei einer der immer beliebter werdenden Sendungen nach dem Motto: XY sucht Frau als Graf Reventlow aufzutreten, der eine Gräfin sucht. Stolz prahlt er mit seiner berühmten Vorfahrin gegenüber Frauen, die weder über Geschichte, die Frauenbewegung oder gar den Feminismus auch nur den Hauch einer Ahnung haben und nur darauf aus sind, ins Fernsehen zu kommen. Der Graf seinerseitsSucht die mediale Öffentlichkeit aus eher pekuniären Gründen. Mit dem Honorar des Privatsenders lässt sich doch so einiges auf dem großen Anwesen reparieren, und wenn er nebenbei eine Frau kennen lernt, so hat er nichts dagegen.Seine eigenwillige und künstlerisch begabte Vorfahrin, deren von Gunna Wendt hervorragend recherchierte und in Szene gesetzte Biographie hier in einem Buch des ebenfalls vom Konkurs bedrohten Aufbau-Verlags vorliegt, hat sich mit solchen Nebensächlichkeiten nicht befasst. Sie hätte wohl kräftig gelacht über ihren Nachfahren, der sich in solche medialen Abhängigkeiten begibt.Denn genau das ist offenbar ihre Sache niemals gewesen. Franziska zu Reventlow verlässt früh ihr Elternhaus, eng und protestantisch-preußisch richtig geführt, und geht nach München. Zuvor hat sie in der Familie lange als schwer erziehbar gegolten, doch sie hat sich durch die Flucht nach München früh der familiären und religiösen Zähmung entzogen und sucht und findet im Schreiben die Möglichkeit, ihre sozialisationsbedingten Grenzen zu sprengen.1893 geht sie fort und macht im Bayrischen eine Ausbildung als Malerin. Es dauert nicht lange, da ist die eigenwillige und rebellische, immer auf ihre Unabhängigkeit auch als Frau bedachte Adlige Teil der dortigen Boheme. Viele damals bekannte Schriftsteller und Künstler zählen zu ihren Bekannten und Freunden. Schon einer von ihnen, Rainer Maria Rilke, sagte einmal, das Leben von Franziska zu Reventlow sei eines von denen, die erzählt werden müssen.Gunna Wendt tut das im vorliegenden Buch mit einer großen Liebe zum Detail und hervorragend recherchiert zum ersten Mal in Form einer Biographie. Sie erzählt von den zahlreichen Beziehungen zu Männern, von Franziskas Utopie einer erotischen Kultur. Ihr Leben war radikal und sinnlich, wenngleich von permanenter Geldnot und persönlichen Krisen geprägt.Erich Mühsam, den Gunna Wendt zitiert, nannte Franziska zu Reventlow eine der innerlich freiesten und natürlichsten Menschen, die er kenne, gleichmäßig ausgezeichnet von höchstem weiblichem Charme, gepflegtester geistiger Kultur, kritischster Klugheit, anmutigstem Humor und vollkommener Vorurteilslosigkeit.Ein Mensch wird da beschrieben, der seiner Zeit weit voraus war, eine Frau, die die Gedanken des Feminismus und nicht nur diese vorausnahm und leider viel zu früh starb. Sie hinterlässt einige Werke, auf die man nach der Lektüre dieser gut geschriebenen und aufgebauten Biographie gerne kennen lernen möchte.
Die kleinste Fessel war ihr unerträglich - Gunna Wendts Biographie ünber Franziska von Reventlow zeichnet auf kunstvoll-berührende Weise das Porträt einer Frau, die von Kindheit an gegen die Fesseln gesellschaftlicher Koventionen gekämpft, eine mutige Version von Frau- und Muttersein entworfen und gelebt hat - und doch den Zwängen der Konvention ein Leben lang nicht ganz entkommen konnte. Seit Teenagertagen hat mich mich diese Königin von Wahnmoching, wie manche sie auch nannten, gefesselt und fasziniert, in verschiedenen Lebensabschnitten hab ich immer wieder ihre Briefe und literarischen Werke gelesen - ohne ganz schlau aus ihrem Charakter zu werden. Zwar hat Fanny auch jetzt noch manch ihres Geheimnisse vor mir - und wohl uns allen - verborgen gehalten, doch der klugen, sensiblen Analyse von Gunna Wendt ist es gelungen, das Bild runder und schlüssiger für mich zu machen, sowie interessante Aspekte und Verbindungen aufzuzeigen, die ich bislang noch nicht entdeckt hatte.Und dafür danke ich ihr sehr!
Die Grenzgängerin oder Rastlose Lebendigkeit - - Auf der Suche nach freieren, ungebundeneren Lebensformen -Die Jugend ist ihren professionellen Beobachtern nicht mehr zu rebellisch, sondern zu angepasst., schrieb DIE ZEIT im Jahre 2005.Ganz anders eine Frau, über die Rainer Maria Rilke vor über 100 Jahren bemerkte, dass ihr Leben eins von denen ist, die erzählt werden müssen. Und er setzte noch hinzu ... und ich glaube, dass man es vor allem jungen Menschen erzählen muss, die das Leben anfangen wollen und nicht wissen wie. Gunna Wendt, hat den Versuch unternommen, hinter die allgemein allzu oberflächlich wahrgenommene Fassade einer Rebellin und einer der schillerndsten Frauen der Schwabinger Künstlerszene des ausgehenden 19. und jungen 20. Jahrhunderts zu schauen und einer Frau gerecht zu werden, deren Lebensdaten mit denen des Deutschen Kaiserreiches identisch sind (1871-1918).Franziska Gräfin zu Reventlow (getauft als Fanny Sophie Auguste Liane Adrienne Wilhelmine Comtesse zu Reventlow) - schon allein der Name weckt Assoziationen. Münchner Boheme fällt da sofort ein. Aber auch ein Leben in Freiheit: ungebundene Liebe, erotische Abenteuer, eine freie Schriftstellerexistenz, Wohngemeinschaft und ein Kind ohne Vater., berichtet Gunna Wendt in ihrem Prolog. Mit vielen Zuschreibungen wurde die Reventlow bedacht: Heidnische Madonna, moderne Hetäre, Virtuosin des Lebens, grande Amoureuse, Schleswig-Holsteinische Venus, tolle Gräfin, Königin der Boheme, the woman who did, Ikone moderner Weiblichkeit - die Liste (...) ist lang, und sie wird ständig fortgeführt.Gunna Wendt löst sich von diesen zum Teil falschen, den klaren Blick verzerrenden Bildern und Klischees. Sie blickt nicht nur oberflächlich auf diese anmutig-mutige, eigenwillige und künstlerisch begabte, auf jeden Fall bewundernswerte Frau. Entstanden ist eine überaus interessante, mitreißende und unterhaltsam geschriebene Biografie. Die Autorin versucht in Reventlows Innerstes vorzudringen und entdeckt dabei nicht immer nur eine Femme Fatale, sondern ebenso einen äußerst zerrissenen und glückssüchtigen Menschen, der sich stets eines zur Maxime gemacht hat, was kennzeichnend für ihr ganzes Leben sein sollte: Ich will überhaupt lauter Unmögliches aber lieber will ich das wollen, als mich im Möglichen schön zurechtlegen.Für ihre behutsame Annäherung an Franziska zu Reventlow zieht die Autorin deren Tagebücher, ihren umfangreichen Briefverkehr sowie ihre Romane, Essays und Geschichten zu Rate. Vor allem die Kinder- und Jugendjahre rekapituliert sie aus Reventlows angeblich autobiografischem Roman Ellen Olestjerne. Inwieweit sich diese tatsächlich so zugetragen haben - da gebe ich meiner Vorrezensentin Irene Weiser vollkommen Recht - ist mit Vorsicht zu genießen, könnte es sich doch durchaus um fiktive, literarische Ausschmückungen handeln. Doch möchte ich auf das bewegte Leben der Franziska zu Reventlow an dieser Stelle sowieso nicht eingehen. Es ist vielerorts zu lesen und würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Außerdem ist dafür die vorliegende Biografie zuständig ,-) Nur so viel, müsste man es in einem Satz erzählen, dann wäre dieser von Gunna Wendt treffend: Das Spannende, Glanzvolle verbindet sich mit dem Trostlosen, Verzweifelten. Die Reventlow hatte viel zu geben, vor allem sich selbst, und immer dominierte die Leidenschaft vor der Vernunft. Zahlreiche Männerbekanntschaften kreuzen ihre Bahn, die sich wie das who is who der damaligen Künstlerszene lesen: zum Beispiel Ludwig Klages, Karl Wolfskehl, Erich Mühsam, Stefan George, Edgar Jaffé. Zwei Ehen, eine Scheidung, permanente materielle Not, die sie gar durch Prostitution zu lindern sucht und auch Krankheit bestimmen ihr sinnliches, aber freies Leben. Doch nicht das Skandalpotential der Rebellin arbeitet Gunna Wendt in ihrer Biografie, die durch große Liebe zum Detail besticht, heraus, sondern sie lotet Franziska zu Reventlows Leben behutsam aus und zeichnet ein sensibles und vor allem stimmiges Bild einer lebensgierigen und -mutigen Frau. Wendt nimmt ihr keineswegs die Identität, sondern sie unterstreicht sie liebevoll und mit großer Achtung. Den Worten Erich Mühsams, dass sie einer der innerlich freiesten und natürlichsten Mensch, denen er je begegnete sei, gleichmäßig ausgezeichnet von höchstem weiblichen Charme, gepflegtester geistiger Kultur, kritischster Klugheit, anmutigstem Humor und vollkommenster Vorurteilslosigkeit, glaubt man nach diesem Buch sofort.Auch wenn Franziska zu Reventlows Leben sicherlich ihr kühnstes Werk war, so entstand doch ganz nebenbei mehr der Not und den Zufällen geschuldet und von der literarischen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, ein schmales Oeuvre, das zunehmend ironischer und souveräner von Liebe, Boheme und Geld erzählt., so die Autorin. Auf jeden Fall ist Lust auf die Werke dieser viel zu früh verstorbenen Frau geweckt.Eine kurze zusammenfassende Chronik, ein Literaturverzeichnis und 26 eingestreute Abbildungen, die beweisen, dass die Gräfin mit zunehmendem Alter immer sinnlicher und attraktiver wurde, komplettieren diese wunderbare Biografie.Fazit:Gunna Wendt zeichnet anhand zahlreicher Quellen ein stimmiges Bild einer rast- und ruhelosen Frau, die sich weder einer Autorität noch familiären und gesellschaftlichen Ansprüchen unterwarf, obwohl es sicher bequemer gewesen wäre. Aber Bequemlichkeit war nie ihr Lebensideal.Eine wohltuend dezent bleibende, keinesfalls sich nur an der Oberfläche bewegende Herausarbeitung einer faszinierenden, ausdrucksstarken und sinnlichen Frau, die das Bild der Schwabinger Boheme zu Beginn des 20. Jahrhunderts entscheidend mitprägte.
Ganz ordentlich, aber da wäre mehr drin gewesen - Der Untertitel weckt ein klein wenig Misstrauen: Die anmutige Rebellin -- Anmut bei einer Rebellin scheint also die große Ausnahme und damit titelwürdig bemerkenswert, scheint es sich doch bei rebellischen Frauen nach landläufiger Meinung um nudelholzschwingende Matronen zu handeln. Diesen Fehlschluss hat die Autorin Gunna Wendt sicher nicht beabsichtigt, aber leider wirkt er ein klein wenig nach bei der ganzen Lektüre. Immerhin geht es hier um die Biographie einer der schillerndsten Persönlichkeiten der Münchner Bohème vor dem Ersten Weltkrieg, deren Lebensweise durchaus als Kampfansage an die Moralvorstellungen ihrer Zeit gesehen werden konnte und auch gesehen wurde. Hinzu kommt eine literarische Hinterlassenschaft, die nicht ohne ist in ihrer geistsprühenden Ironie und ihrem Wortwitz, hinzu kommt auch ein unverstellter Blick, der Reventlow gegen die esoterischen und stramm-nationalen Anwandlungen ihrer Umgebung feite. Ein alles andere als geradliniger, in sich höchst widersprüchlicher Charakter ist nicht zu übersehen. Hinzu kommt vor allem aber ein alles andere als alltäglich-banales Schicksal.Auf jeden Fall gibt Wendt mit ihrem Untertitel anmutige Rebellin die Gesichtswinkel vor, aus denen heraus sie Fanny Reventlows (zur Namensfrage kommen wir noch) Biographie betrachtet: Anmut und Rebellion. Ihre Biographie stützt sich auf zahlreiche Quellen, vor allem aus der zeitgenössischen autobiographischen Literatur, aber leider auch aus einer fragwürdigen Interpretation von Reventlows literarischem Werk.Die Fixpunkte von Wendts Betrachtung sind also bekannt -- was macht sie daraus?Fanny Reventlows Anmut und Liebreiz sind belegt, zahlreiche berühmte und unberühmte Zeitgenossen weisen ausdrücklich darauf hin: Annette Kolb, Erich Mühsam, Emil Ludwig, Karl Wolfskehl, Oskar Panizza, Henri-Pierre Roché, Rainer Maria Rilke... die Liste ließe sich lange fortsetzen.In dieser Hinsicht liest sich diese Biographie aufschlussreich, zumal sich Wendt Reventlows prägenden Beziehungen zu Albert Hentschel, Alfred Friess, Karl Wolfskehl, Ludwig Klages und vor allem Bohdan von Suchocki ausführlich und anschaulich widmet, ohne dass die Schilderung blauäugig würde. Gerade hier integriert Wendt Briefe und Tagebucheinträge sinnvoll in ihre eigene Erzählung und revidiert sogar ein wenig manche bisherige Lesarten -- dass ihr hierzu auch mehr Quellen zur Verfügung standen als bisherigen Biographen, schmälert ihr Verdienst keineswegs.Damit kommen wir zum Stichwort Rebellin: Dass Fanny Reventlow kein prototypisches wilhelminisches Fräulein von Stande war, dürfte sich herumgesprochen haben. Aber wie äußerte sich ihre Rebellion? Und wie sah Reventlow sich selber? Sah sie sich auch als Rebellin? Immerhin war sie mit Anita Augspurg und anderen Mannweibern (so die zeitgenössische Diktion) befreundet, konnte sich also unter dem Begriff Rebellion durchaus etwas Konkretes vorstellen. Diese Frage stellt Wendt leider nicht, so wie sie leider auch Reventlows ambivalente Stellung zur Frauenbewegung ihrer Zeit weiträumig umkurvt. Hingegen geht Wendt auf Reventlows angewandte Rebellion ein, und nicht zuletzt durch gut in den laufenden Text integrierte Selbstzeugnisse entsteht das lebendige Bild einer außergewöhnlichen Frau.Als Jugendliche sieht Reventlow sich als Rebellin in bester Ibsen-Tradition, das zeigen insbesondere ihre Briefe an Emanuel Fehling, und hier äußert sich die Rebellion gegen standesgemäße weibliche Lebensentwürfe, die eine eigenwillige Persönlichkeit, Abenteuerlust und Widerwillen gegen Häuslichkeit nicht vorsehen. Diesen Lebensabschnitt schildert Wendt nachvollziehbar, arbeitet auch einfühlsam Reventlows problematisches Verhältnis zu ihrer Mutter heraus, man leidet mit, ohne dass der kritische Blick vom Tränenfluss allzu sehr getrübt wird. Gelegentliche Ausflüge ins Klischee bleiben die Ausnahme.Aber wie sah sich die erwachsene Fanny Reventlow, geschiedene (Ogottogott!) Frau Lübke und Mutter eines aber sowas von unehelichen Kindes (Ogottogott, die zweite)? Sah sie sich tatsächlich als barrikadenstürmende Rebellin aus eigenem Willen, oder sah sie sich eher als eine Frau, die die Lebensbedingungen zu scheinbarer Rebellion zwangen? War ihre Rebellion prinzipieller Natur, oder ging es ihr ganz einfach darum, ihr eigenes selbstbestimmtes Leben führen zu können, woran sie ganz unideologisch finanziell und krankheitshalber gehindert wurde? Welche Rolle spielte dabei Reventlows eigenwilliger, widersprüchlicher Charakter? Diesen Fragen geht Wendt nur indirekt nach, immerhin liefert ihre Biographie dem Leser das nötige Handwerkszeug, um diesen Fragen nachzugehen.Am Ende bleibt die Frage unbeantwortet, ob und inwiefern Fanny Reventlow das Etikett Rebellin aufgepappt wurde, ohne dass man sie um ihre Meinung gefragt hätte.Neue Erkenntnisse eröffnet Gunna Wendt also leider nicht mit ihrer Biographie, bei der es sich um eine thematisch gewichtete Nacherzählung von Reventlows Leben handelt. Eher bleibt sie hinter Ulla Egbringhoffs präziser Bestandsaufnahme zurück -- und Egbringhoff standen einige Quellen noch gar nicht zur Verfügung, die Wendt erfreulicherweise ausführlich konsultiert hat: neu edierte Reventlow-Briefe, neu edierte Tagebücher von Reventlow und O.A.H. Schmitz, die Memoiren ihres Sohnes Rolf, dazu freilich auch die bereits bekannten Quellen.Erfreulich ist hingegen, dass Wendt Reventlows literarische Bedeutung relativ ausführlich berücksichtigt, hier unterscheidet sie sich wohltuend von Franziska Sperrs belanglos-sensationslüsternem biographischem Reventlow-Roman Die kleinste Fessel drückt mich unerträglich.Allerdings kann man Gunna Wendt einen allzu sorglosen Umgang mit Reventlows literarischem Werk vorwerfen: Dass Schriftsteller in ihrem Werk eigene Erlebnisse literarisch verarbeiten, ist eine Binsenweisheit, die sich aber leider nicht bis zu Wendt herumgesprochen hat. Da können Romane wie der Geldkomplex oder Ellen Olestjerne noch so viele biographische Züge aufweisen -- es sind dennoch keine autobiographischen Quellen, sondern deren Bearbeitung, punktum. Oder käme vielleicht einer auf die Idee, Franz Kafka sei eines Morgens als ungeheures Ungeziefer erwacht, oder Thomas Mann habe seine Familie in den Buddenbrooks authentisch geschildert? -- Eben! Aber bei Reventlow scheint diese vermaldeite biographische Lesart ihres Werkes nicht auszurotten. Hier geht Wendt reichlich naiv zu Werke. Mangelnde Reflexion beweist auch, dass sie ihre Protagonistin mal Franziska nennt, und dann wieder Fanny -- wild durcheinander und beim besten Willen nie nachvollziehbar (übrigens lässt sich nirgends nachweisen, dass Fanny Reventlow selbst auf der Umbenennung Franziska bestanden hätte -- das ist nur eine der vielen postumen Stilisierungen einer unbequemen Frau).Trotz unübersehbarer Mängel kann man Gunna Wendts Reventlow-Biographie empfehlen: Man liest hier eine gut geschriebene, lebhafte Schilderung, in deren stärksten Kapiteln Fanny Reventlows Persönlichkeit Farbe bekommt, sozusagen dreidimensional wird. Reventlows Biographie wird nachlebbar, gewinnt markanten Charakter. Dabei bleibt die Biographie doch übersichtlich, Wendt hat die zahlreichen Beziehungs- und anderen Knäuel in Reventlows Leben leserfreundlich entwirrt.Dass Wendt bei aller Detailfreude nicht ins Kitschige abgleitet (hingebungsvolle ledige Mutter um die Jahrhundertwende, deren angebliche Hetären-Libertinage nur allzu oft harte ökonomische Ursachen hatte -- danach dürsten die Courts-Mahlers unserer Zeit doch), ist ein weiterer Pluspunkt. Dafür muss man allerdings auch in Kauf nehmen, dass Wendt öfters mal auch da im Vagen bleibt, wo Fakten bekannt sind, und dass sie zu oft an der Oberfläche bleibt, zu wenig nachbohrt.Gunna Wendts Reventlow-Biographie konkurriert in ihrer Preisklasse mit Ulla Egbringhoffs Monographie (in der Reihe rororo-Monographien), und hier nimmt sie einen guten zweiten Platz ein. Wer an möglichst viel gut lesbarer und schnörkellos aufbereiteter Information interessiert ist, sollte unbedingt zu Egbringhoffs Biographie greifen, sie ist nach wie vor die erste Wahl, und auch wer zu Wendts Werk greift, sollte das von Egbringhoff nicht von der Liste streichen.Wer sich s lieber ausführlich erzählen lässt und dafür die ein oder andere Lücke und gewisse methodische Schwächen in Kauf nimmt, der liest Wendts Biographie mit Gewinn, zumal hier keine Vorkenntnisse über die zeitgenössischen Diskurse und die München-Schwabinger Szene der Prinzregentenzeit nötig sind.Mit der besternten Wertung tu ich mich hier wieder einmal schwer -- aber da Wendts Biographie trotz einiger Mängel Fanny Reventlows Leben auch Uneingeweihten anschaulich nahebringt, ist die Wertung deutlich über dem Durchschnitt gerade noch vertretbar.